
Geschichtliches
Der Siedlungsursprung von Birr ist urkundlich nachgewiesen mit einem Kauf von Besitztum durch das Kloster Wettingen in der damaligen Ortschaft "Bire" im Jahre 1270. Im Konstanzer Steuerregister von 1371 wird Birr im Markenbuch des Bistums Konstanz als Filiale von Windisch, der grossen Urpfarrei des Eigenamtes, genannt. Das Eigenamt mit den Gemeinden Birr, Birrhard, Lupfig und Scherz gehörte zum Besitztum der Grafen von Habsburg, bevor das ganze Eigenamt 1411 dem Kloster Königsfelden zufiel. Mit der Eroberung des Aargaus durch die Berner 1415 endete die Oberherrschaft der Habsburger im Eigenamt. 1803 entstand als Folge der Französischen Revolution der heutige Kanton Aargau.
Die Ortsbürger von Birr haben folgende Hauptgeschlechter: Angliker, Bopp, Eichenberger, Frey, Gloor, Gysi, Mattenberger, Müller, Roth, Setz, Schoder und Wüst.
Birr war eine Wirkungsstätte von Johann Heinrich Pestalozzi. Diese Persönlichkeit hat als Pädagoge auf dem Neuhof in Birr (heute Berufsbildungsheim Neuhof) Massstäbe gesetzt mit weltweiter Ausstrahlung und Anerkennung. Der Japaner Prof. Dr. Arata Osada war ein begeisterter Anhänger von Johann Heinrich Pestalozzi und Verfechter seiner pädagogischen Theorien. Er widmete seine Schaffenskraft der Erforschung und Verbreitung der Philosophie von Johann Heinrich Pestalozzi in Japan. Seinem Wunsch entsprechend wurde die Asche von Arata Osada in der Nähe der Grabstätte Johann Heinrich Pestalozzis in Birr beigesetzt und an der Mauer der reformierten Kirche Birr eine Gedenktafel angebracht.
Im Januar 1871, während des deutsch-französischen Krieges, fanden ca. 85'000 Mann der französischen Bourbakiarmee in der neutralen Schweiz Zuflucht und Aufnahme. Im Frühjahr 1871 starben 22 französische Soldaten im Heilbad Schinznach, worauf ihnen Landsleute auf ihrer letzten Ruhestätte in Birr ein Denkmal widmeten. 1899 wurde es vom Elsässer Bildhauer Bartholdi in Form einer geflügelten Viktoria in Bronze ausgeführt. Derselbe Bildhauer hat auch die Freiheitsstatue im New Yorker Hafen geschaffen.
Das Bourbaki- und das Pestalozzidenkmal bilden mit der Gedenkstätte von Arata Osada und der reformierten Kirche das historische Zentrum unserer Gemeinde.
Religionen
Bis in die jüngste Vergangenheit war Birr als Auswirkung der Berner Herrschaft eine fast ausschliesslich reformierte Domäne. Mit der Industrialisierung vermischten sich die Konfessionen. Heute sind etwa 34 % unserer Bevölkerung Katholiken und 25 % Reformierte. Daneben haben sich mit der Integration der ausländischen Wohnbevölkerung weitere Religionen etabliert. Die reformierte Kirche Birr und die katholische Kirche Lupfig bilden das Zentrum der Konfessionen.
Gemeindewappen
Die Blasonierung desselben lautet:
In blau eine gelbe Birne an grünem Blätterzweig. Ein so genanntes sprechendes Wappen; der Ortsname hat allerdings mit der Birne kaum etwas zu tun, sondern ist von Birch (Birke) abzuleiten.
Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde
Das Siedlungsgebiet von Birr ist angelehnt am Nordhang des Kestenberges. Die Gemeindefläche beträgt 504 Hektaren. Birr liegt beim Fixpunkt Gemeindehaus 402 m über Meer. Davon sind rund 165 Hektaren Wald mit folgenden Eigentumsverhältnissen: 92 Hektaren Gemeindewald am Kestenberg (Ortsbürgergemeinde) sowie 53 ha Staatswald und 20 ha Privatwald, beides im Biretholz. Die Gemeinde Birr zählte im 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein rund 500 Einwohner. Ab 1955 setzte die Industrialisierung ein. Die Gemeinde Birr entwickelte sich vom Bauerndorf zur Industriegemeinde. Das sprunghafte Wachstum bewirkte eine Umwälzung der Bevölkerungsstruktur. In der Wohnsiedlung "Wyde" wurden mehrheitlich ausländische Familien angesiedelt, alles Arbeitnehmer der damaligen BBC. Die Bevölkerungsentwicklung unseres Dorfes kann wie folgt aufgezeigt werden:
Ende Jahr Anzahl Einwohner
1960 651
1970 2'594
1980 2'912
1990 3'366
2003 3'790
2004 3'770
2005 3'819
2008 4'000
2009 4'082
Mit dieser Entwicklung hat sich die Eigenständigkeit der Gemeinde gefestigt. Der aktuelle Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung liegt bei rund 45 %. Die mit der ausserordentlichen Zuwanderung und der vielschichtigen Bevölkerungsstrukur zwangsläufig verbundenen Anforderungen und Probleme konnten weitgehend bewältigt und gelöst werden.
Um 1900 wurden in Birr rund sechzig Landwirtschaftsbetriebe gezählt. Heute sind noch sechs Landwirte ansässig. Das wirtschaftliche Hauptgewicht liegt bei der in Birr angesiedelten Industrie. Die Betriebsstätten von ALSTOM (Schweiz) AG, ABB, Brugg Kabel AG, Bertschi AG Dürrenäsch, SIKA Schweiz AG, Legrand (Schweiz) AG, Robotec-Schomburg AG und NOK geben dem Industriestandort das Gepräge. Daneben florieren in Birr zahlreiche Handwerks- und Kleinbetriebe vieler Gewerbegattungen.
Die mit dem Bauzonenplan rechtskräftig ausgeschiedenen Baulandreserven ermöglichen ein moderates und kontrolliertes Wachstum an attraktiver Wohnlage sowie die Ansiedlung weiterer Gewerbe- und Industriebetriebe an prädestiniertem Standort.
Die Siedlungsstrukturen von Birr werden geprägt vom beschaulichen Dorfkern und Wohnsiedlungen moderner Struktur. Auch mit diesen Gegensätzen liegt das Erlebnispotenzial von Birr im Überschaubaren.
Der Industriestandort Eigenamt hat kantonale Bedeutung. Erfreulicherweise ist das Birrfeld östlich der Bahnlinie und der Bünztalstrasse als eine der grossen Kornkammern des Kantons Aargau erhalten geblieben.
Die Gemeindeverwaltung wird zentral geführt im Gemeindehaus an der Pestalozzistrasse mit Gemeindekanzlei, Sozialdienst, Einwohnerkontrolle, Steueramt, Finanzverwaltung und SVA-Zweigstelle. Die Gemeinde Birr ist Sitz eines regionalen Zivilstandsamtes. Zum Zivilstandskreis Birr gehören die Gemeinden Birr, Birrhard, Habsburg, Hausen, Lupfig, Mülligen und Scherz. Das Betreibungsamt von Birr wird nebenamtlich geführt und befindet sich in Hausen.
Verkehr/Infrastruktur
Birr liegt an bevorzugter Verkehrslage. Das Buskonzept Eigenamt ermöglicht gute Verbindungen zu den Bahnhöfen Brugg/Lenzburg mit Anschlüssen an die SBB Linien Zürich - Bern und Zürich - Basel mit S-Bahnanschluss. Zudem verfügt die Gemeinde Birr seit 1995 über eine eigene SBB-Haltestelle mit Busterminal und Park+Ride-Anlage. Die Nationalstrassen A1 Zürich - Bern und A3 Zürich - Basel sind mit kurzen Anfahrten erreichbar. Diese Verkehrsgunst hat besondere Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Eigenamt, ohne dass im Siedlungsgebiet Lärmbelastungen hingenommen werden müssen. Das Kantonsspital Baden ist mit 10 km Entfernung innert kurzer Zeit erreichbar.
In Birr befinden sich eine Bäckerei, eine Metzgerei sowie eine Arztpraxis und eine Zahnarztpraxis. In unserer Nachbargemeinde Lupfig besteht ein Einkaufszentrum mit Migros, Apotheke-Drogerie, Banken, SPAR, Post, Denner, Coop und weiteren kleineren Verkaufsläden.
Der regionale Flugplatz Birrfeld mit einem Restaurant und Kinderspielplatz ist ein beliebtes Ausflugsziel im Eigenamt.
Gastronomie
Mit dem Hotel-Restaurant Bären, der Arena Wydehof, dem Café-Restaurant Carina und dem Restaurant Linde kann die Gemeinde Birr ein breites Angebot an Gastro-Betrieben anbieten.
Kultur im Dorf
Mit der Gemeindebibliothek im Untergeschoss der Sporthalle Nidermatt verfügt unsere Gemeinde über einen attraktiven Kulturträger.
Mit dem Kulturprogramm der Kulturkommission wird zum kulturellen Erlebnis in der Wohngemeinde beigetragen.
Das Dorfmuseum in einem ehemaligen Bauernhaus an der Hinterdorfstrasse offenbart die Wohnkultur unserer Vorfahren. Mit seinem Ausstellungsgut wird eine Vielfalt von Gerätschaften präsentiert, die von vorausgegangenen Generationen in Haus, Hof und Feld verwendet wurden. Das Museum kann auf Voranmeldung beim Museumsleiter, Jakob Kalt, Telefon 056 444 79 31, besichtigt werden.
Schulen
Im Schulzentrum Nidermatt werden die Primar-, Real- und Sekundarschule geführt. Die Bezirksschule kann in Windisch oder Brugg besucht werden. Die Kindergärten werden dezentral geführt mit einem Doppel- und einem Einzelkindergarten in der Wohnsiedlung „Wyde“ und mit zwei Abteilungen im Pestalozzischulhaus.
Brötliexamen
Alljährlich am ersten Sonntag im Monat Mai feiern die Gemeinden im Eigenamt das traditionelle "Brötliexamen". Dieser Festanlass kann mit dem andernorts etablierten Jugendfest verglichen werden. Das aktuelle Festprogramm ist eine Mischung aus Tradition und Wandel mit einer gemeinsamen Morgenfeier der Schüler und erwachsenen Festbesucher aus den Gemeinden Birr, Birrhard, Lupfig und Scherz in der Sporthalle Nidermatt in Birr. Jedes Schulkind und betagte Einwohner erhalten von der Gemeinde ein Examenbrot.
Der Ursprung des Festanlasses wird auf eine Spende von Agnes, der Tochter des bei Königsfelden ermordeten Königs Albrecht, zurückgeführt. Zum Andenken an ihren verstorbenen Vater soll Agnes während der damals herrschenden Hungersnot an die armen Leute des Eigenamtes Brot verteilt haben. Mit einer andern Überlieferung wird das Brötliexamen auf die Schulordnung unter der Berner Herrschaft zurückgeführt.
Brauchtum
Mit den „Maibuebe“ besteht ein Brauch, der mit dem gesellschaftlichen Wandel an Grenzen stösst. Am zweiten Samstag im Monat Mai wird die Strassenbeleuchtung um Mitternacht ausgeschaltet. Im Schutz der Dunkelheit werden die 16- bis 25-jährigen „Maibuebe“ regsam. Alles, was im Dorf nicht geordnet abgestellt ist, wird abtransportiert und auf dem Gemeindehausplatz „zur Schau“ gestellt. Als krönender Abschluss dieser „Nachtübung“ werden neben dem Gemeindehaus die vorgängig in langer Arbeit kreierten und bemalten Spruchbänder befestigt zur Lektüre durch die Bevölkerung. Inhalt dieser teils „gepfefferten“ Sprüche bilden Anekdoten und Aktualitäten aus dem Dorfgeschehen des vergangenen Jahres. |